Wahre Schönheit – was ist das?

Kürzlich habe ich irgendwo gehört, als ‚schön‘ empfinde der Mensch ein Gesicht, das aus Überlagerung vieler Gesichter, sozusagen als Durchschnitt, gewonnen wird. Dabei handelt es sich m. E. aber genau um die Art Schönheit, die Ästheten als ‚absolut‘ und deshalb als ‚tot‘ zu bezeichnen pflegen. Lebendige Schönheit zeichnet sich demgegenüber dadurch aus, dass sie vom Durchschnitt abweicht. Das tun aber auch Gesichter, die wir gemeinhin nicht als schön empfinden. Also, wie weicht lebendige Schönheit ab vom toten Ideal?

Ich denke: Ausreichend, um Aufmerksamkeit zu erregen, um Individualität zu signalisieren, um zu faszinieren; und doch so behutsam, dass der Durchschnitt als buchstäblich erinnertes Bild deutlich präsent bleibt. Wahre Schönheit – im Gegensatz zur absoluten – zeigt also Abweichung als vollzogene Veränderung des Ideals an – das heißt zugleich als Veränderbarkeit des Ideals. Sie kündet damit von Freiheit und von Zeitlichkeit des Schönen, kurzum von dessen Lebendigkeit. Deshalb ist wahre Schönheit definitionsgemäß weder absolut noch tot. Wahre Schönheit läuft am Gängelband des Durchschnitts und zieht ihn zugleich unmerklich ein kleines Stück weiter. Und das gilt doch für alle Wahrheit: Sie ist zeitlich und deshalb niemals absolut. Daraus folgt: absolute Wahrheit gibt es nicht. Aber das haben wir ja sowieso gewusst.

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